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Das Sanctionsfest

(Heidelberger Familienblätter v. 24.1.1885)

Am Samstagabend versammelten sich im Badischen Hofe die Schlaraffen Altheidelbergs, um das Sanktionsfest ihres jungen Reiches zu begeben, nachdem von der Allmutter Praga bereits im Dezember die Anerkennung ausgesprochen worden war. Zur Feier dieses Festes waren von Mannheim, Strassburg, Stuttgart und Ulm von den dortigen Schlaraffenreichen Deputationen abgesandt worden, und aus Heidelberg waren die Freundinnen und Freunde geselligen Humors so zahlreich erschienen, dass der Raum schier nicht alle fassen wollte. Um 8 Uhr eröffnete der fungierende Oberschlaraffe Drasal der Glockenturm die Sipppung mit dem Willkommenslied und begrüsste die anwesenden Pilgrime. Alsdann traten unter den Klängen des Schlaraffenmarsches die Deputationen ein und räumte der fungierende Oberschlaraffe dem von der Allmutter Praga mit Sanktion und Urkundenübereichung beauftragten Boten, Ehrenherrlichkeit Graf Falstaff dem Goldenen Schnitt der Maninheimbia den Thron ein. In längerer, von ächt schlaraffischem Geist getragener Rede wies der selbe darauf hin, dass der von den Schlaraffen hochgehaltene Grundsatz „in arte voluptas“ immer mehr Anhänger gefunden habe. Aus den 32 Männern, welche vor nunmehr 25 Jahren in Prag sich unter diesem Zeichen vereinigten und das Reich der Schlaraffen gründeten, sind jetzt über 6000 geworden. Das sei ein sicheres Zeichen, dass dieselben einen glücklichen Griff gethan, als sie „Kunst mit Humor“ auf ihre Fahne schrieben..

Kniend wurde darauf von den Sassen des Reiches Haidelberga das Gelöbnis abgelegt, den Satzungen, die Spiegel und Ceremonial vorschreiben, treu zu bleiben, und darauf der Wortlaut der Sanktionsurkunde angehört, welche alsdann dem neuen Reiche übergeben wurde. Mit Absingung des Liedes „Lulu Praga“, welches mit Begleitung des Klavicymbals durch den Junker Heinrich, den Universellen, vorgetragen wurde, schloss der erste Teil der Sippung. Es wurde eine Schmuspause gegeben, welche von den Festgenossen zur Stärkung ihres Leibes benutzt wurde.

Unterdessen wurde von verschiedenen einheimischen und von auswärts eingerittenen Recken Vorträge zum besten gegeben und sonstige Kurzweil getrieben. Der Junkermeister der Haidelberga, Ritter Justus, der Semmelwurm, sprach ein schwungvolles Gedicht auf die deutsche Frau. Ein aus dem Reich Stuttgardia eingerittener musste in das Burgverlies eingeworfen werden, da sich herausstellte, dass er unberechtigterweise den Hausorden der Haidelberga angelegt hatte, nachdem er denselben dem kunstfertigen Nickel entwendet hatte. Unterdessen erschienen noch mehr fremde Ritter, welche die Burg erst spät erreicht hatten und denen nun herzliche Begrüssung zu teil wurde.

Nach Wiedereröffnung der Sippung durch schlagen des Tamtams wurden nach dem Liede „Schlaraffias Frauen“ die eingelaufenen 56 Telegramme und zahllose Sendboten, die zur Feier des Tages von auswärtigen Reichen und Rittern gesandt worden waren, ihrem wesentlichen Inhalt nach bekanntgegeben. Alsdann begann die Verleihung  von Orden und Ahnen an verdiente Ritter, Junker und Knappen. Die Mehrzahl der Ritter von auswärts wurde mit dem Hausorden erster und zweiter Klasse bedacht. Derselbe besteht aus einem sehr niedlich gearbeiteten Heidelberger Fass, welches von einem Uhu an einer Kette gehalten wird.

Während der darauf folgenden Schmuspause kamen wieder humoristische Vorträge an die Reihe. Allgemeines Interesse erweckte ein Recke dadurch, dass er eine wohlgelungene Vorstellung in der Kunst des Gedankenlesens gab. Sechs Stühle wurden in eine Reihe gestellt und verschiedene Gegenstände daraufgelegt. Eine Dame wurde, nachdem der Gedankenleser herausgegangen, aufgefordert, an einen der aufgelegten Gegenstände zu denken, worauf Ritter Barnum wieder eintrat, die Hand der Dame ergriff und nach kurzer Zeit auf den richtigen Gegenstand hinwies. Das Experiment wurde dann in ähnlicher Weise mit Erfolg wiederholt. Es folgten verschiedene humoristische Vorträge, u.a. von den Rittern Uffo und Gänseklein sowie von Junker Max der Maninheimbia. Nach dem Gesang des Ur-und Oberschlaraffenliedes wurde die offizielle Sippung mit einer Rede Graf Falstaffs geschlossen und dann der Festreigen eröffnet, an dem sich die Versammelten noch lange erfreuten.

Nicht vergessen wollen wir zu erwähnen, dass das Reich Maninheimbia, die Ziehmutter der Haidelberga, welche sich schon viele Verdienste um letztere erwarb, dieselben wieder vergrösserte durch die Stiftung eines prachtvollen Broncekruges, der, mit Schaumlethe gefüllt, die Runde bei den Gästen und Insassen des Reiches machte. Möge das ganze, wohlgelungene Fest allen Theilnehmern eine schöne Erinnerung bleiben und ein gutes Omen sein für das wachsen und Gedeihen der Schlaraffia Haidelberga. Lulu! (Heinz.)